Ein Cybernachtstraum

Ein Cybernachtstraum

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»Ein Cybernachtstraum« vom collectivdrama c-atre ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International.

Der Text steht auch in folgenden Formaten zum Download bereit:

Außerdem stehen auch die Noten zu den Liedern unter CC BY-SA Lizenz zum Download bereit:

Figuren

  • Die Moderatorin
  • Die Kommentarspalte
  • Zwei Ersatzmediatare
  • Hänschen, ein Hipster aus Neukölln
  • Avanna Frostjewel, Hänschens Mediatar
  • Kim, ein Hipster aus Neukölln
  • Buttercup Beamdancer, Kims Mediatar
  • Robin, eine Künstlerin
  • Praerie Snowsong, Robins Mediatar

Prolog – Einführung Moderatorin und Kommentarspalte

Die Bühne ist leer. Aus dem Off durch den Mittelgang stürmt Kommentarspalte (KS) auf die Bühne und schimpft laut Wort- und Satzfetzen vor sich hin, läuft dann vor der Bühne wütend und verwirrt im Kreis.

KS: Wir sind nicht rechts, nicht links, wir sind vorne!… Das will uns doch die Lügenpresse wieder was vormachen!… Die Bundesrepublik ist eine GmbH… Impfungen machen eure Kinder zu Autisten, die Pharmaindustrie verschweigt euch das nur… Diese politisch korrekten Linksversifften sind doch die echten Nazis… Hitler hat uns gewarnt… Merkel fördert doch nur eine Islamisierung – der Islam ist nicht Deutschland – bald laufen wir alle in Burkas rum… Scheißfeminazis…

Moderatorin (MOD, aus dem Hintergrund, eilt ebenfalls nach vorne, verärgert): Kommentarspalte! Kommentarspalte! (KS bleibt genervt stehen) Darf ich Sie erinnern: Es gibt in diesem Forum einen Code of Conduct, dem auch Sie zugestimmt haben.

KS (genervt, sarkastisch): Ja, ich weiß, allheilige Moderatorin.

MOD: Es gibt hier Regeln. In meiner Bio habe ich alle wichtigsten Posts dazu verlinkt. Sie dürfen sie gerne nachlesen. Wenn Sie in diesem Forum bleiben möchten, müssen Sie die Regeln einhalten.

KS: Orrrrr, ich kenne die Regeln. Du musst sie jetzt nicht nochmal wiederholen.

MOD: Haben Sie denn schon Ihre Übungen gemacht?

KS (wie ein eingeschnapptes Kind): Nein.

MOD: Wollen Sie diese vielleicht jetzt machen? Danach können wir zur Belohnung auch noch ein Spiel spielen!

KS (immer noch eingeschnappt): Ok.

MOD: Dann los… 3, 2, 1: Go!

MOD beginnt die Namen verschiedene Mucki- und Kraftübungen wie Squats, Lunges etc. zu rufen, KS führt diese aus und schnauft dabei sehr laut, sinkt danach kraftlos in sich zusammen.

MOD: Sehr gut, brave Kommentarspalte. Haben Sie jetzt Lust auf ein Spiel?

KS: Klar, immer. Lässte eine Feministin etwas posten und ich darf dann in 17 Tweets erklären, wieso sie nur mal ordentlich durchgenudelt werden muss?

MOD (empört): Neeeeein, natürlich nicht!

KS: Ich schaff’s auch in 8 Tweets.

MOD (empörter): NEIN. Wie wäre es mit einer Wette? Ich wette mit Ihnen, dass Sie keine 20 Liegestütze an dem Tisch (zeigt auf den Tisch der WG) schaffen.

KS: Pffff, 20?! Ich schaff 30, locker!

MOD (leicht amüsiert): Gut, dann: Top, die Wette gilt.

KS beginnt Liegestütze zu machen, murmelt dabei »Diese Muskeln sind aus Stahl! Hmpf, Power, yeah, Maskulinität, yeah!« usw. KS bricht schließlich zusammen, auf den Boden, mit dem Gesicht zum Publikum.

KS: Ich will doch auch nur geliebt werden!

KS liegend auf dem Boden, mit dem Gesicht zum Publikum, sieht das Publikum zum ersten Mal richtig

KS (leicht verängstigt): Moderatorin, ich glaube, wir sind heute nicht allein.

MOD (lacht sich ein bisschen ins Fäustchen): Nein, das sind wir nicht. Diese entzückenden Menschen wollen unsere Show sehen.

KS: Sind die echt? Wieso hast Du mir nichts davon erzählt? Was soll der Dreck?

MOD: Bitte entschuldigen Sie meine Kollegin, sie ist manchmal etwas schroff. Wir möchten Ihnen heute eine allumfassende, glamouröse Show bieten. Bitte stellen Sie ihre Mediatare an, damit Sie das Programm ungestört genießen können!

MOD und KS warten, niemand im Publikum macht etwas.

KS: Ihr habt sie gehört!

MOD: Bitte schalten Sie Ihre Mediatare jetzt an!

KS: Wieso machen die denn nichts?

MOD: Ich glaube, sie haben keine Mediatare.

KS (hat eine Idee, kichernd): Weiste was?

MOD (ebenfalls kichernd): Können Sie die Ersatz-Mediatare holen?

KS ab und kommt mit den zwei Mediataren fürs Publikum wieder auf die Bühne

KS: Das sind unsere zwei Ersatzmodelle. Sie sind leider schon etwas eingerostet, aber für ein Theaterpublikum dürfte es reichen.

MOD: Wir stellen Ihnen diese heute zur Verfügung! Ihre Mediatare, die die für Sie facebooken, instagrammen, twittern, Blogposts schreiben …

KS: … und die für Sie auf 4Chan Menschen beleidigen! Das heißt, Ihr können jetzt alle Ihre Devices ausschalten, Eure Mediatare werden die lästige Social Media-Arbeit für Euch erledigen!

MOD: Und damit Sie verstehen, wie Mediatare praktisch angewendet werden, erzählen wir Ihnen heute eine kleine Geschichte.

KS: Orrrrrr! (ab)

MOD: Eine kleine Geschichte über die alles einnehmende Liebe, prickelnde Lust und mit folgenreichen Verwechslungen! Bühne frei!

Szene 1 – Ein WG-Casting

Hänschen und Kim räumen in der Wohnung. An der Wand hängt ein Hipster Hitler Poster. Die Mediatare idlen rum: Wenn sie ein Foto von sich selber machen, erscheint auf der Projektion das Bild des echten Menschen in der gleichen Pose. Wenn ein Profil/Post projiziert wird, beschäftigen sich die Mediatare damit und schauen auf die Leinwand.

Hänschen sitzt bereits auf der Bühne, Kim stürmt ins Wohnzimmer, einen Stuhl tragend.

Kim: Orrrrrr, wieso hast du die damals eigentlich gekauft? Die Stühle sind sowas von unbequem.

Hänschen: Es ist eben nicht Ikea. Das sind Klassiker. Die neue Sachlichkeit. Also, die alte. Also: Retro-Sachlichkeit.

Kim (stellt den Stuhl hin, setzt sich drauf): Bei mir und meinem Hintern gilt immer noch »Form follows function«.

Hänschen: Mir geht es ja auch eher um die Idee eines Stuhls. Die Essenz eines Stuhls.

Avanna fotografiert den Stuhl und lädt ihn auf Instagram mit einem fancy Retro-Filter.

Kim (steht auf): Die Bewerberin für unser Zimmer müsste jeden Moment auftauchen. Wir müssen offen und liebenswürdig wirken.

Kim schaut sich, während sie das sagt, kritisch um, und nimmt das Hipster Hitler Poster ab.

Hänschen: Aber das ist doch ironisch.

Avanna macht ein Vine 6 Sekunden Video: Air-Anführungszeichen

Kim: Ich kann über deine Ironie nicht mehr lachen.

Hänschen: Wir fanden uns auch mal unironisch gut.

Verkniffener Blick von Kim. Einblendung Facebook-Post: »Vor vier Jahren hast du das gepostet (ein Bild von den beiden im Urlaub, frisch verliebt). Willst du diese Erinnerung teilen?«

Klingeln an der Tür. Die Mediatare schauen auf.

Kim öffnet die Tür (seitlich).

Beide starren sich an, sind gebannt von der Erscheinung der anderen und kriegen kein Wort raus (ca. 3 sec oder so). Dann fangen sie aufgeregt an, gleichzeitig zu sprechen. Auch die beiden Mediatare schauen sich entzückt an und mustern sich gegenseitig (kichern?)*

Kim (gleichzeitig mit Robin): Hallo, du musst Robin sein. Wir haben dich schon erwartet!

Robin (gleichzeitig mit Kim): Hallo, ich bin Robin. Bin ich hier richtig für die Zimmerbesichtigung?

nachdem sie die Awkwardness und Gleichzeitigkeit bemerken, leichtes Kichern

Hänschen: Ja, das bist du. Hänschen. So nenne ich mich.

Kim: Kim. Willkommen in unserem Home.

Robin: Oh, danke. Ja, ihr habt wirklich Geschmack. Ähm, ich konnte aus eurer Anzeige aber nicht so richtig erschließen – ich möchte da jetzt auch nicht unhöflich sein – aber: Seid ihr ein Paar?

OkCupid-Profil »heteroflexible / seeing someone« wird eingeblendet.

Hänschen und Kim (gleichzeitig): Najaaa (Hänschen) – Najaaaaaaaaaaa (Kim)

Hänschen (druckst herum): Also, wir verhandeln unser Beziehungskonzept immer wieder neu.

Kim: Also, JA, sind wir.

Robin: Oh, ok. Macht ihr das zum ersten Mal, dass ihr euch jemanden von außen mitreinholt?

Kim (Kim flirtet Robin an): Sagen wir es so: Wir sind nicht nur räumlich gesehen offen für neue Menschen.

Robin und Kim lächeln sich leicht verschmitzt an, Hänschen ist das etwas unangenehm, unterbricht die Awkwardness.

Hänschen: Ja, also wir zeigen dir dann jetzt mal das Zimmer. Dafür bist du ja hier. (setzt sich aufs Sofa und lässt Kim die Zimmerbesichtigung machen.)

Kim (giftig flüsternd zu Hänschen): Beziehungskonzept, ha!

Kim und Robin ab

Kim (aus dem Off): Ich weiß, es ist ein bisschen klein.

Robin (ebenfalls aus dem Off, mit Kim flirtend): Ach, ich bin ja kompakt. Gefällt mir wirklich sehr gut, das Zimmer.

Kim (flirtet zurück): Da passt auch ein 1,60m-Bett in die Ecke rein. Oder auch ein kleineres. Ich weiß ja nicht, was du so brauchst. Also als Bett.

Robin: Ach, ich bin da offen.

Hänschen (ist das ganze Geflirte unangenehm, will die beiden wieder aus dem Zimmer rauslocken): Und ja, das Wohnzimmer hier, das gehört uns allen. Setz dich doch.

Buttercup sucht das Kissen und gibt es Kim.

Kim: Du wirst ein Kissen brauchen. (Bringt ihr ein Kissen)

Hänschen: Und, was machst du so? Beruflich?

Robin: Ich bin Künstlerin. Ich mache sehr viel mit Naturmaterialien. Ich habe da gerade so ein Projekt mit Baumrinde. Da steckt ja auch so viel drin, da liegt schon im Material ganz viel Symbolik und Überbau.

Hänschen: Geistiger Überbau. Ja, sehr wichtig. Ach, das meinst du bestimmt sehr sachlich.

Robin (beginnt mit Hänschen zu flirten): Sachlich seh ich das eher nicht. Eher ganz konkret, dann ergibt sich alles wie von selbst. Die Natur führt uns zum Überbau. Intellektuell.

Hänschen (starrt sie verzaubert an, bemerkt dann leicht peinlich berührt sein Schweigen): Ja, ja, intellektuell. Da bin ich ganz bei dir.

Robin: Aber das Projekt ist jetzt auch so gut wie abgeschlossen. Ich finde es gut, wenn man sich auch wieder von einem Thema lösen kann. Tabula rasa machen.

Hänschen (starrt sie noch einmal fasziniert und verzaubert an, wirft, nachdem er das bemerkt, dann wieder ein): Ja, tabula rasa, ganz wichtig.

Robin: Und keine Angst, ich lass keine Moose und Rinden hier rumliegen.

Hänschen (sich sammelnd): Und mit dem Geld geht es auch bei dir klar?

Robin (sexuell betonend): Es ist jetzt nicht so, dass ich nur mit Moosen und Farnen spiele.

Einblendung von Robins Dribble-Profil (oder anderes Künstler-Netzwerk)

Längerer Augenkontakt zwischen Hänschen und Robin. Dann blickt Robin zu Kim.

Kim: Also ich sprech für uns beide. Du kannst hier gern einziehen.

Hänschen: Also, ich spreche auch für uns beide, du kannst hier wirklich gern einziehen.

Robin (mit beiden flirtend): Toll. Ihr seid ja so unkompliziert.

Kim: Wann würdest du denn (kleine Pause) kommen?

Robin: Ich hole meine Koffer und würde heute Abend auf der Matte (kleine Pause) stehen.

Hänschen (übereifrig): Hier sind unsere Schlüssel.

Robin nimmt die Schlüssel, die Hände berühren sich kurz – der Moment friert kurz ein.

Mediatare stehen in der gleichen Abschiedskonstellation da, machen jeder ein 3er-Selfie der Verabschiedung, zu sehen auf der Leinwand sind die Selfies jedoch mit den echten Menschen auf den Fotos mit gleichen Posen.

Robin: Ich freu mich sehr. Bis später.

Robin und Prairie Snowsong ab.

3 Twitterposts von jeder Person zu dem neuen Mitbewohner / WG-Einzug

Kim und Hänschen sowie Avanna und Buttercup schauen ihr verträumt hinterher. Black.

Intermission: Szene 1

MOD: Ich muss ja schon sagen: Manchmal macht Liebe ein bisschen blind …

KS: Schön wär’s!

MOD: Wieso?

KS: Na, wenn ich an meinen Alten denk.

Lied 1: Liebe macht blind

MOD (gerappt)

Ach Sie, Muffelkopf! Was Sie wieder meckern!
Ist doch schön, wenn in der Ehe sich die Jahre hinkleckern
Wenn man sich kennt, wenn man sich gern hat
Dann hat man’s warm, dann ist man satt!

Schluss mit dem ewigen Daten und Suchen
Schluss mit dem Tripper und Arzttermin buchen
Schluss mit dem Swipen und Liken und co
Schluss mit OKCupid… Elitepartner sowieso

Dann hat man ewig ein Stück vom Kuchen
Kann Deutschlands schönste Bahnstrecken buchen
Hat Kinder Hunde Katzen und so
Ein Eigenheim und ne Zukunft sowieso

Dann ist es Liebe, dann ist es Treue
Kein Kondom und sowieso keine Reue
Dann sind die anderen nur noch Schatten
Alle Frauen, Männer, Geschlechter nur noch Sachen

Die es halt geben muss
Aber den großen Liebesgenuss
Gibt es zu Hause, wo man sich aufhält
Wo man sagt: Schatz, mach den Schnaps auf!

KS: Liebe macht blind
Oh alles, was ich an dir nervig find…
MOD: …Find ich eigentlich gut
Es entfacht in mir die Glut

KS (gerappt)

Ach Sie, Lügenpresse! Was Sie wieder lügen!
Die Ehe ist nun wirklich kein Vergnügen
Wenn man sich kennt, wenn man sich satt hat
Hat man das Leben ins- und gesamt satt

Schluss mit dem Daten und dem Versuchen!
Schluss mit den strengen Schwesternbesuchen!
Schluss mit dem Swipen und Liken und so
Schluss mit Elitepartner sowieso!

Dann frisst man ewig den gleichen Kuchen
Dann muss man immer Kinderabteil buchen
Dann hat man Katzen und ein Katzenklo
Kredit bis in alle Zukunft sowieso

Das war’s mit der Liebe, hallo Treue,
Ohne Kondom kleben Bettlaken, ich bereue,
dass ich nicht bei den anderen bin, diesen Schatten,
die gerade jetzt sicher was Schöneres machen

Alles, was es auch immer geben muss
Im Regen den leidenschaftlichen Kuss,
Den alten, den neuen, den Liebesgenuss
Wo man sagt: Schatz, mach den Schnaps auf!

KS: Liebe macht blind
Oh alles, was ich an dir nervig find…
MOD: …Find ich eigentlich gut
Es entfacht in mir die Glut

(gesprochen)

MOD: Aber manchmal kommt sie doch

KS: Oder er

MOD: Oder die ganze schöne Vielfalt …

KS: Dann macht Liebe wirklich blind!

MOD: Für die Einfalt!

KS: Des alltäglichen Lebens

MOD: Dann ist alles Herzschlag

KS: Und Spiel und ein Vortrag

MOD: Von allem, was man selbst gern wär

KS: Und der andere

MOD: Oder die andere

KS: Oder die ganze schöne Vielfalt

MOD: Tut dazu, was sie oder er oder ein ganzer Pronomenwald eben gerne wär

KS: Und dann macht Liebe so blind
Für das, was wir sind…
MOD: …was noch niemand war
Und wir sind wieder in Gefahr

KS: Liebe macht blind
Oh alles, was ich an dir nervig find…
MOD: …Find ich eigentlich gut
Es entfacht in mir die Glut

Szene 2 – Ein Netflix-Abend mit romantischen Komödien

Kim und Hänschen sitzen auf der Couch im Wohnzimmer beim Fernsehen.

Kim: Wir können ja zusammen unsere Serie weiter schauen.

Hänschen: House of Cards ist doch aber mehr so unser Ding.

Kim: Ja, das macht doch nichts, wenn Robin mit einsteigt.

Hänschen: Ich weiß nicht. Eine Serie ist schon Commitment. Das ist mir ein etwas zu großer Schritt beim jetzigen Status unserer Beziehung, das ist nochmal eine andere Ebene.

Robin kommt herein.

Robin: Hui, das sieht ja gemütlich aus.

Hänschen: Montag ist immer unser Netflix & Chill-Abend. Magst du dich mit zu uns setzen?

Buttercup projiziert die Urban Dictionary-Definition von Netflix & Chill auf die Leinwand.

Robin (nur so halb ernsthaft abwinkend): Ach, ich will da ja gar nicht euer Ritual durcheinander bringen.

Kim und Hänschen (durcheinander, auf sie einredend): Ach, das macht uns gar nichts. Wir freuen uns total, wenn du mit dabei bist…

Hänschen: Ich wäre ja eher für richtiges Theater. Die Royal Shakespeare Company gibt es im Livestream.

Kim: Ok, ich will einen Film. Ihr einigt euch, ich mach was Leckeres, was auch dem Gaumen gut tut. (Kim ab)

Hänschen (winkt Robin zu sich hin): Hier, schau mal, es gibt Richard III mit Kenneth Branagh, Macbeth mit Fassbinder und Cotillard oder King Lear mit Laurence Olivier und Diana Rigg. Ein echter Klassiker.

Avanna projiziert die durchlaufende Netflix-Auswahl.

Robin rückt in der Zeit immer dichter an Hänschen

Robin (haucht): Shakespeare in Love klingt doch gut. Ich kann ja Inspiration in allem finden.

Hänschen (verzückt): Oder: Wie es euch gefällt.

Hänschen schaut Robin an. Sie ziehen die Decke über den Kopf und machen rum. Währenddessen expressives Schattenspiel ihrer Mediatare.

Kim (ruft aus dem Off): Ich habe noch 3 IPA im Kühli gefunden.

Die beiden fühlen sich ertappt, ziehen die Decke wieder runter und sortieren sich schnell.

Kim tritt auf mit Bier und Chips. Robin kehrt auf ihren vorherigen Platz zurück und Kim drängt sich zwischen die beiden.

Hänschen: Ähm, ähm, hervorragend. Zwei Dinge erfüllen mein Herz mit Freude: Shakespeare und Craft Beer.

Mediatare fotografieren Bier. Untappd – Bier-App wird gezeigt (See what beers are trending)

Robin: Wir haben uns für Shakespeare in Love entschieden.

Kim: Oh, wie toll. So romantisch.

Hänschen schaltet den Film ein. Die drei schauen sich den Vorspann an, kurze Pause, alle gucken konzentriert auf den Bildschirm.

Kim (zu Hänschen): Und das schaust du? Ist dir das nicht zu seicht?

Hänschen: Mhm, joah, wenn man das mit einer ironischen Distanz guckt. (Kim reicht ihm das geöffnete Bier und rollt die Augen)

Hänschen: Aaaaaah, Craft Beer. Gut gehopft.

Avanna gibt eine Bewertung auf Untappd ein.

Kim: Ja, ist halt bitter, nech.

Hänschen (zu Robin): Und die GUTEN Chips. Die haben wir von einer Fachmesse für Kartoffelprodukte.

Kim: Ja, die MampfConf. Lecker.

Robin: Ich liebe Kartoffelprodukte. Ich komme ja auch vom Lande. Ich kann Schafe scheren und Holz hacken (schaut Kim tief in die Augen), noch mehr Holz hacken und vor allem (Pause) Kühe melken.

Kim (schaut Robin tief an): Erzähl mir mehr davon. Hast du den Pulli selbst gemacht?

Robin: Ja, ich habe das Schaf selbst geschoren, das Garn gesponnen und dann gestrickt. Fass doch mal an, wie flauschig das ist.

Hänschen (gähnt): Der Film ist nichts für mich. Zu sehr Mainstream. Da weiß man ja sofort, dass die sich kriegen.

Kim: Wie beim Porno.

Robin (kichernd): Ja, da weiß man es direkt nach 5 Hauptsätzen.

Kim: Aber nicht wohin.

Hänschen: Ach diese Hollywood-Industrie bedient doch ausschließlich heteronormative Zweierkonstellationen. Das sind einfach bürgerliche Kategorien.

Kim und Robin reagieren nicht.

Hänschen: Ich finde ja, dass Zweierkonstellationen auch total überholt sind. Ich kenne viele Leute, die in stabilen Dreierbeziehungen leben und glücklich damit sind. Nicht wahr, Schatz?

Kim (schaut weiter unbeeindruckt auf den Bildschirm, murmelt): Ja, ja.

Hänschen: Da muss man auch mal den Mut haben, neue Pfade zu betreten. Das seht ihr doch auch so, oder? (impliziert natürlich die ganze Zeit einen Dreier, die beiden reagieren jedoch nicht)

Hänschen: Mir ist das wirklich nichts. Ich geh ins Bett. Es strengt mich an, mich auf dieses Niveau runterzudenken. (frustriert zu Kim) Kommst du dann nach?

Kim (unaufmerksam): Ja klar, ich komm dann nach.

Hänschen (beim Gehen): Tut nichts, was ich nicht auch machen würde.

Hänschen ab.

Robin schmiegt sich langsam an Kim. Das, was sie jetzt sagen, ist in einem leicht verkuschelt-schläfrigen Tonfall.

Kim: Oh, Colin Firth. Der war so süß in The King’s Speech.

Robin: Ich find in dem Film ja vor allem Gwyneth Paltrow so, ähm, beeindruckend.

Kim: Ach, ja, ich weiß was du meinst. (rücken näher aneinander)

Robin: Ach ich kann ja jetzt nicht einschlafen. Das erweckt ja gleich nen schlechten Eindruck.

Kim: Ach du und schlechter Eindruck.

Ziehen die Decke weiter über sich, unter der Decke werden Handbewegungen sichtbar

Kim (offensichtlich aroused): Ich glaube, ich sollte dich mal ins Bett bringen.

Robin: Warte, warte, ich hab doch grad erst… also, wird das nicht alles zu kompliziert? Können wir das noch handlen? Könnt ihr das noch handlen?

Kim: Wenn ich untenrum etwas handlen kann, kann ich das auch früher oder später obenrum. Komm, Süße.

Robin (immer noch zögernd): Also… ich… orrrr, du weißt auch genau, was du tust, oder?

Kim (lasziv grinsend): Oh ja.

Robin und Kim zusammen ab.

Intermission: Szene 2

KS: Siehste, das kommt von diesem ganzen Polygedöns, von der Beziehungsanarchie, von Casual Sex, von Friends with Benefits, von Tinder!

MOD (äfft sie nach): Sehen SIE, das kommt davon, mimimimi.

KS: Es kann ja nicht jede wie Du sein. (äfft MOD in einem gehoben-nasalen Tonfall nach). Wir müssen nur konstruktiv und gewaltfrei kommunizieren, unsere Körper teilen, uns selber lieben, um Liebe annehmen zu können.

MOD (unterbricht sie): Erstens, für Sie immer noch »Sie« und zweitens, wissen Sie, wie Sie klingen?

Lied 2: Liebe, dumm und schön

MOD

Liebe dumm
Richtig dumm
Liebe wollen
Nix kriegen
Weinen
Neuverlieben

KS

Liebe schön
So schön
Liebe haben
Schatzi sagen
Bussi, bussi
Ring antragen

Beide

Liebe
dumm und schön
Liebe
ein warmer Fön
für das Herz
Liebe
schön und dumm
Liebe
ein Aquarium
der Gefühle
voller bunter Fische
die sich vermischen
voller Klappermuscheln
die miteinander kuscheln
voller Wasserschnecken
die ihre Fühler recken
sich mit ihnen necken
du weißt schon, wie ich’s mein
Schubiduh – aaaah – uuuahhuuuh
Schwipp-Schwapp
Schubiduh
Schwipp-Schwapp

MOD

Liebe dumm
richtig dumm
Pärchen seien
Alles verzeihen
Verzeihen müssen
Angst, die Angst
Vorm Single sein

KS

Liebe schön
So schön
Schöner kommen
Orgasmuswonnen
Stöhni,
Könnt ich mich dran gewöhni

Beide

Liebe
dumm und schön
Liebe
ein warmer Fön
für das Herz
Liebe
schön und dumm
Liebe
ein Aquarium
der Gefühle
Dumm nur wenn der Fön
ins Aquarium fällt
und mit dem Elektro
alle Fischis grillt
alle Muscheln aufbäckt
bis auch die Schnecke aufsteckt

KS: Sag mal, verstehen Du dieses Bild?
Mit dem Aquarium?

MOD: Nee.

KS: Ich auch nicht.

MOD: Schnecken? Muscheln? Was soll denn das heißen?

KS: Ich dachte, hier, Penis-Vagina und so.

MOD: Igitt!

KS: Und der Fön? Fällt da rein?

MOD: Na, es ist halt dumm!

KS: Aber irgendwie schön!

MOD: So wie die Liebe!

KS: Genau!

MOD: Man wird es schon verstehen!

KS: Oder halt nicht!

MOD: Wie die Liebe!

KS: Ach so!

MOD: Genau!

KS: Jetzt versteh ich!

Beide

Ihr wisst ja, wie wir’s meinen
So dumm und schön!
Ja, so dumm und schön!
Ihr wisst ja, wie wir’s meinen!
Ihr wisst ja, wie wir’s meinen!
Schubiduh – aaaah – uuuahhuuuh
Schwipp-Schwapp
Schubiduh
Schwipp-Schwapp

Pre-Monolog: Szene 3

Robin ist schlaflos. Sie kommt in eine Decke gehüllt, leise tapsend, damit sie die anderen nicht aufweckt, ins Wohnzimmer und zündet sich eine Zigarette an. Die Mediatare sind noch auf und posten fleißig an ihren Devices, in dem gleichen Setting. Sie werden aber von Robin natürlich nicht bemerkt und sind außer vielleicht von ihren Bildschirmen nicht beleuchtet.

Robin (während des Monologs versucht sie, sich ein einigermaßen bequemes Bett aus der Decke zu bauen): Ich müsste dringend schlafen. Kim ist sehr süß, aber sie ist ein Landräuber im Bett. Ist das wieder verzwickt. Wo gerate ich da schon wieder rein? Hab ich denn nichts gelernt? Die beiden sind toll, aber ihre Liebe zueinander ist so gezwungen. Ich brauche etwas Echtes. Reales. Natürliches. Nichts kompliziertes, kein Drama, etwas beständiges. Wie ein Baum. Stark und am richtigen Fleck. (schaut verträumt)

KS (friert den Monolog von Robin mit einem Klatschen ein)

KS stimmt nochmal an, MOD stimmt dann mit ein, dabei tauschen sie bedeutungsgeladene Blicke aus

Dumm nur wenn der Fön
ins Aquarium fällt
und mit dem Elektro
alle Fischis grillt.

KS: Wollen wir die Fischis grillen?

MOD: Sie meinen… (kichernd) DAS PORTAL ÖFFNEN?!

Sie öffnen den Durchgang zwischen den Welten, um zu sehen, was daraus für Chaos entstehen mag. Es ist einfach ein Lichtwechsel zu den Farben der Mediatarwelt – eventuell pulsierend zu Beginn.

Beide (gleichzeitig): Schnipps. Schnapps. (Robin unfreezed und bewegt sich wieder, MOD und KS schleichen sich kichernd aus der Szene)

Robin bemerkt zu Beginn der Szene 3 erschrocken, dass sie nicht mehr allein ist und versteckt sich, bevor sie die Mediatare bemerkt.

Szene 3 – Eine Theaterprobe mit einem heimlichen Zuschauer

Avanna, Praerie und Buttercup an ihren Devices. Robin versteckt sich.

Buttercup: … und absenden. Letzter Post für heute. Feierabend!

Avanna: Endlich. Dann ist jetzt endlich Zeit Theater zu spielen. Ich brauche heute noch ein bisschen Ehrlichkeit.

Praerie: Oh, ihr spielt Theater? Wie schön.

Buttercup: Wir proben einen Klassiker: Pyramus und Thisbe. Das ist die Vorlage für Romeo und Julia gewesen.

Praerie: Oooooooh! Die ewige Geschichte von »Kriegen sie sich? Kriegen sie sich nicht?« Große Liebe, die die größten Hindernisse überwinden muss!

Avanna: Ähm, ja. Uns interessiert eher die narrative Dichte, aber ok.

Buttercup (geht zu Praerie): Und wir haben jetzt endlich eine Darstellerin für den Löwen. Hast du Lust?

Praerie: Welche Frage, ich bin begeistert. Theater ist doch die eigentliche Natur von uns Mediataren. Und nichts ist mehr Drama als das Suchen und Finden der wahren Liebe!

Avanna (peinlich berührt): Äh, ja. Also… Zeig uns mal deinen besten Löwen!

Praerie (sehr exzentrisch Löwe darstellend): ROAAARRRRR!

Buttercup: Du hast den Job! (kleine Pause – holt den Schleier) Es ist ganz einfach. Wenn Thisbe unter dem Maulbeerbaum ankommt, überfällst du sie und reißt ihr diesen Schleier weg. Sei löwig!

Robin (seitlich, für die anderen nicht hörbar): Ein Maulbeerbaum. Ich werde ein Baum sein.

Avanna (zu Buttercup): Willst du heute Pyramus sein? Dann gebe ich die anmutige Thisbe.

Buttercup: So sei es. Auf die Positionen bitte.

Die drei machen sich zum Spiel bereit, haben bereits Tücher und Gegenstände. Robin schaut aus dem Versteck fasziniert zu.

Buttercup: Oh Thisbe! Oh Thisbe!

Avanna: Was höre ich für einen sanften Klang?
Es muss mein Geliebter sein, der fast sang.
Pyramus!

Buttercup: Thisbe!

Avanna: Da juckt mir fast die Zitze.

Buttercup (zum Publikum): Die Kommunikation durch diesen Spalt ist unbefriedigend.

So warte!
Wenn der Mond am höchsten steht
und die Familie ins Bette geht,
treffen wir uns unterm Maulbeerbaum
wie in einem Sommernachtstraum.

Avanna: So scheint das Mondlicht auf mich herab
und bringt mein Herz so sehr auf Trab.
Nur im Schatten werd ich dich erkennen,
am Ende werden wir beide flennen.

Buttercup: Um Mitternacht sollen wir uns wiedersehen
Ich kann dir kaum noch widerstehen.
Bis dann!

Avanna: Bis dann!
Ich werde die Minuten zählen.

Buttercup: Mich wird solang die Unruh quälen.

Robin kommt auf die Bühne und versteckt sich mit einem Umhang als Maulbeerbaum. Avanna tritt wieder auf als Thisbe. Buttercup versteckt sich hinterm Sofa

Avanna: Welch’ schönen Baum die Welt gebar
So bin ich wohl zu früh schon da .

Praerie (als Löwe): RRRRAAAARRRHHH!

Avanna und Praerie rennen herum, der Schleier bleibt liegen, beide ins Off

Buttercup betritt die Szene. Während dieser Szene entdeckt Praerie Robin und lässt ihr non-verbal verwunderte Signale zukommen.

Buttercup: Der Maulbeerbaum, den seh ich doch,
aber wo ist meine Thisbe noch?
Ist sie etwa zu spät,
frönt sie der Promiskuität?
Mich quält die Sehnsucht.
Das ist ihr Schleier!
So prall sind meine … Sehnsüchte.
Da ist Blut, es tropft hinab
ein rotes Rinnsal nicht zu knapp.
Sollst du vergangen sein von dieser Welt.
Keinen weiteren Tag will ich erleben
und mir den Dolch ins Herze geben.
Und dem ein Ende machen, dieser Pein. (Stemmt sich den Dolch ins Herz, stirbt.)

Avanna: Oh nein!
Vor Schmerz kann ich nicht einmal schrei’n.
Mein geliebter Pyramus
Den Anblick, tief in mein Herz ich schloss,
Nun liegst du da, ganz weiß und kalt,
Nur Schmerz aus meinem Inn’ren schallt.
So knie ich hier ohn’ weitere Worte,
und stoß den Dolch in meines Körpers Pforte.

(stemmt sich den Dolch ebenfalls in Herz, stirbt. Kurze dramatische Stille.)

Praerie (um von Robin abzulenken): Was für ein Spaß!

Avanna und Buttercup bemerken Robin auch jetzt nicht

Buttercup: Gut gebrüllt Löwe! Jetzt brauchst Du ein richtiges Löwenkostüm.

Avanna: Ja, super Idee, das basteln wir gleich.

Beide gehen in eine Zimmerecke und beginnen eine Löwenmaske zu basteln.

Robin zieht währenddessen die Aufmerksamkeit von Praerie auf sich und winkt sie zu ihr zu kommen.

Praerie (laut zu den Mediataren): Ich helfe euch gleich.

Robin (seitlich zu Praerie): Du siehst ja genau aus wie ich. (versucht, die Vorgaben für einen Spiegel zu machen (Spiegelübung), merkt dann aber, dass Praerie ein eigener »Mensch« ist)

Praerie (zu Robin): Was machst du denn hier? Wie geht das?

Robin: Ich konnte nicht schlafen. Dann war da plötzlich ein Durchgang.

Praerie: Unglaublich. Das muss ich gleich den beiden berichten.

Robin (hält sie fest): Nein, warte. Hör mich erst an. Mir wird das alles zu viel.

Praerie: Was, zu viel?

Robin: Du kennst mich. Ich vertrage so viel Unehrlichkeit nicht gut. Ich bin da in viel zu viel reingeschliddert heute. Du musst mir helfen.

Praerie: Äh, wie stellst du dir das vor?

Robin: Wir tauschen einfach. Ich spiele hier Theater und du genießt die Freiheit da draußen. Ich hatte so viel Spaß einfach nur ein Maulbeerbaum zu sein. Und du kannst viel besser mit Leuten umgehen.

Praerie (überlegt – ist geschmeichelt und interessiert): Ach, das sagst du doch nur so. (leichtes Kichern – fishing for compliments)

Robin: Doch – Du bist das bessere Ich! (Pause) Es muss ja auch nicht für immer sein.

Praerie: Aber das würde alles durcheinander bringen! Alles!

Robin (kennt Praeries Schwachstellen): Die beiden sind füreinander bestimmt. Und du kennst mich, ich bin immer so impulsiv und mache dann im Affekt dumme Sachen. Aber was wirklich zählt, ist doch die echte, wahre Liebe, oder?

Praerie: Oh ja.

Robin: Und der möchte ich nicht im Wege stehen. Wenn ich da weiter mein Ding durchziehe, verhindere ich nur, dass die beiden sich wieder selber finden können. Und nur du kannst ihnen dabei helfen, nicht ich.

Praerie (ist gerührt und damit überzeugt): Gut. Ich mach es für dich. Für ein paar Tage bin ich du. Es darf aber niemand bemerken. Bleib unter dem Radar. Sonst gerät hier alles aus den Fugen.

Robin: Das gilt für dich aber auch. Aaawww, danke! (umarmt sie stürmisch) Da ist der Durchgang.

Praerie »schlüpft« durch den Durchgang in die Menschen-Welt, d.h. sie geht über den Aufgang links ab. Robin geht zu den anderen beiden Mediataren, die nicht bemerken, dass getauscht wurde.

Intermission: Szene 3

MOD und KS kommen diabolisch lachend und Tambourine schlagend auf die Bühne, improvisieren einen kleinen ungelenken Siegestanz.

MOD: Muahahahahahaaaaa!

KS: Muahahahahahaaaaa!

(verschwörerisch und flüsternd stimmen sie noch mal kurz an)

Beide: Ihr wisst ja, wie wir’s meinen
So dumm und schön!
Ja, so dumm und schön!
Ihr wisst ja, wie wir’s meinen!
Ihr wisst ja, wie wir’s meinen!

Schubiduh – aaaah – uuuahhuuuh
Schwipp-Schwapp
Schubiduh
Schwipp-Schwapp

Szene 4 – Ein WG-Frühstück

Hänschen, Kim und Praerie (als Robin) am Frühstückstisch

Die Mediatare stehen am Rand und schauen auf ihre Devices. Ab und zu machen sie Post-Action, aber greifen sich nicht zu viel Aufmerksamkeit.

Robin ist neu im Social Business und schaut öfter fragend zu den beiden anderen, aber ohne aufzufliegen.

Wenn der Streit richtig losbricht, sind sie etwas irritiert und starren die Menschen fassungslos an, da dieser Streit nichts postenswertes ist. »Um Himmels Willen, das würde Follower*innen kosten!«. Sie wechseln zwischen fassungslosen Blicken auf die Menschen und ratlosen Blicken auf ihre Devices.

Hänschen: Der Kaffee ist ziemlich bitter heute.

Kim: Ja, das ist der neue, den ich von diesem zapatistischen Kaffeekollektiv in Mexiko importiert habe.

Praerie: Ist der denn auch Fair Trade?

Kim: Der Kaffee ist das einzige hier am Tisch mit einem Gewissen.

Hänschen: Fair, was ist schon fair? Ein Siegel macht das Leben auch nicht fair.

Kim: Aber passiv aggressive Ablehnung auch nicht. Oder ist das schon wieder Ironie?

Hänschen: Das ist postironisch. Bei dir kann man noch nicht mal mehr mit Postironie punkten.

Praerie (zu Hänschen): Kannst du mir mal bitte die Marmelade reichen? (macht die Marmelade auf) Das sind ja schöne Strukturen. Ist das Schimmel?

Kim (reißt ihm die Marmelade aus der Hand): Ooooch!!! Hast du schon wieder die Marmelade verschimmeln lassen?! Jeder zivilisierte Mensch nimm einen frischen Löffel für die Marmelade!

Praerie (zu Kim): Wenn du mich darum bittest, habe ich immer einen Löffel bei mir.

Hänschen: Es ist doch nur Schimmel, das kannst du abkratzen.

Kim: Es ist ein MYZEL! (wirft das Marmeladenglas auf den Boden) Das ist überall in der Marmelade drin. In meiner Marmelade!

Praerie: HURRA, die Marmelade lebt!

Hänschen: Schön für sie. Ist ja das Einzige hier im Haushalt, wo noch Leben drin ist.

Kim: Ich leg dir immer die Löffel hin. Du müsstest sie nur nehmen. Du müsstest dich um manche Sachen einfach mal kümmern! Pfleglich behandeln!

Hänschen: Ok, es tut mir leid, dass es innerlich schimmelt.

Kim: Ist das jetzt ernst gemeint oder ironisch. Ich erkenn den Unterschied bei dir nicht mehr. Ich bin total abgestumpft. Alles ist gleich aus deinem Mund – ist es ein Kompliment, Beleidigung oder eine Forderung.

Hänschen: Ich hab aufgehört zu fordern, noch nicht mal mehr ironisch. Du setzt dich nicht mehr auseinander.

Praerie (flirty zu Kim, berührt sachte ihre Hand): Ach, doch, mit einigen Dingen setzt du dich noch auseinander.

Hänschen (beobachtet das eingeschnappt): Aber mit mir nicht mehr.

Kim: Ich möchte eben dein echtes Gesicht sehen! Nicht mehr nur deine Kunstvernissagenfratze, deine Weißweinschorlenfresse! (steht auf)

Praerie: Keine Bösen Wörter!

Hänschen: Das ist doch alles nur noch Performance bei uns! Unsere ganze Beziehung ist doch nur noch Kunst. Wir sprechen ja gar nicht mehr wahrhaftig miteinander.

Kim (aufstehen intensiviert sich, der Stuhl hinter ihr fällt um): Dann sprich doch einmal die Wahrheit aus. Ungebrochen und mit Haltung. Wir hatten mal Leidenschaft. Bei uns hat der Wald gebrannt. Jetzt haben wir nicht mal mehr nen Heizstrahler.

Hänschen: Ich habe immer noch Leidenschaft, z.B. wenn ich mir diese Inneneinrichtung ansehe.

Kim: Ich seh nur noch rechte Winkel, lackiert und ohne Borke. (geht währenddessen um den Tisch, vor den Tisch)

Praerie: Schöne Metapher!

Kim und Hänschen (zeitgleich): SCHNAUZE! (Praerie versteckt sich unter dem Küchentisch)

Hänschen (sexualle Konnotation hörbar, geht auch vor den Tisch): Wir waren mal spontan. Und nicht nur am Freitagabend spontan.

Kim (nimmt zaghaft seine Hand): Aber das können wir doch wieder ändern.

Hänschen: Du meinst das Feuer entfachen. Heller lodernd als eine Energiesparlampe?

Kim: Gleich hier, auf dem Küchentisch?!?

Hänschen: Mitten auf dem Myzel?

Kim (klettert sexy auf den Küchentisch): AUF. DEM. MYZEL. (verrenkt sich) Aua, aua. Zur Sicherheit könntest du vielleicht in den Latexanzug springen. Passt dir der denn noch?

Hänschen: Der rote? Ich denke, da lässt sich was machen. (reicht ihr die Hand, um ihr vom Tisch zu helfen, die beiden verschwinden im Schlafzimmer)

Intermission: Szene 4

MOD und KS kommen auf die Bühne.

MOD: Haben Sie die Leidenschaft gespürt? Das Feuer?

KS: Eher eine Sparflamme. Aber irgendwann gibt man sich ja auch damit zufrieden.

MOD: Meinen Sie, jetzt wird alles gut?

KS: Ja, klar. Die beiden retten dank Latexanzug ihre Beziehung. Die Regierung hört auf, all unsere Daten zu speichern. Die Filmindustrie hört auf, schlechte Remakes zu machen, nur um die Feminazis zu befriedigen. Die Lobbyisten besinnen sich und werden Ökobauern.

MOD (gernevt, unterbricht sie): Ja, ja, ich versteh Ihren Punkt.

Lied 3: Es ist zu schön, um wahr zu sein

Beide

Es ist
Es ist
Es ist zu schön, um wahr zu sein
und wird
und wird
vermutlich
nicht lang so bleiben

MOD

Honigmond
und Frühlingserwachen
folgt
Rosenkrieg
und Scheidungssachen

KS

Wenn man sich gibt, wie man ist
Ist man ganz hingegeben
Wenn man die Maske ablegt ist
das Innere zum Abschuss freigegeben

MOD (gesprochen)

Von außen sieht alles so schön aus:
Ein leckerer Körper
Ein glänzender Apfel
Eine süße Puppe
ein weite Oberweite
eine pralle Hose
ein neues Computerspiel

KS (gesprochen)

Denk nur mal dran, was sich oft im inneren so alles verbirgt
Schleimige Organe
Ein verfaulter Kern
Stroh
Watte
getragene Socken
ein Gitterlinienmodell

KS: So was will doch keiner sehen

MOD: Ehrlichkeit ist absolut überbewertet

KS: Worauf wir wirklich stehen

MOD: Ist einzig und allein

Beide: Der schöne Schein

Beide

Es ist
Es ist
Es ist zu schön, um wahr zu sein
und wird
und wird
vermutlich
nicht lang so bleiben

Szene 5 – Theaterprobe mit Hindernissen

Robin (als Praerie), die beiden anderen Mediatare Avanna und Buttercup

Den ersten Teil des Stücks (bis der Löwe kommen soll) spielen Avanna und Buttercup im Schnelldurchlauf mit der Ansage: Schnelles Vorspulen.

Buttercup: Feierabend heißt Theaterzeit!

Avanna: So ist es, Kamerad. Laß uns im Stück weiter vordringen. Praerie, du weißt Bescheid, du bist der Löwe. SCHNELLES VORSPULEN.

Buttercup: Alle auf ihre Positionen … und BITTE SCHNELL.

Die folgende Szene wird im Schnelldurchlauf noch einmal gespielt, siehe auch Szene 3

Buttercup: Oh Thisbe!

Avanna: Was für ein sanfter Klang?
Geliebter, der fast sang.
Pyramus!

Buttercup: Thisbe!

Avanna: Juckende Zitze.

Buttercup: Treffen unterm Maulbeerbaum
ein Sommernachtstraum.

Avanna: Nur im Schatten erkennend,
wir beide flennend.

Buttercup: Um Mitternacht Wiedersehen
kann kaum widerstehen.

Avanna: Minuten zählend.

Buttercup: Sehnsucht quälend.

Beide ins off – Robin kommt auf die Bühne und versteckt sich mit einem Umhang als Maulbeerbaum. Ist irritiert, fällt kurz aus der Rolle. Avanna tritt wieder auf als Thisbe.

Avanna: Welch’ schönen Baum die Welt gebar
So bin ich schon zu früh wohl da.

Robin (leise, verwirrt): Ich bin der Löwe?

Avanna (leise, peinlich berührt, Zähne knirschend): Jahaaaa.

Robin (als Löwe, flippt voll aus): RRRRAAAARRRHHH!

Robin reißt an dem Schal, wälzt sich fauchend, rennt hinter Buttercup her, reißt seinen Arm ab mit den Zähnen.

Avanna: Praerie, was machst du da?

Robin: Nicht gut?

Buttercup: Hm, nee, eher nicht so. Du spielst so verändert, der Löwe reißt Thisbe zum Beispiel den Schleier vom Hals, nicht den Arm ab. Du hast das doch gestern schon gespielt.

Robin: Ach, da war ich doch ein Maulbeerbaum. (merkt danach direkt, dass sie sich verplappert hat, beißt sich auf die Zähne) Ich meine…

Avanna: Hä, was?

Robin (sieht die beiden erst unschuldig/ratlos/peinlich berührt an, bricht dann zusammen): Es tut mir so leid, ich hätte es euch sagen müssen! Praerie und ich… wir haben… wir haben getauscht!

Buttercup (aufgebracht): Du bist ein Mensch? Ein User? Du bist Robin?!

Avanna: Ihr habt getauscht? Wie ist das denn möglich? Spannend! Hochinteressant!

Buttercup: Das ist gegen die Regeln! Das geht doch nicht. Praerie wird dafür so Ärger bekommen. Warum machst du sowas?

Robin: Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe da. Diese ganze geistige Enge dort.

Avanna: Aber ihr seid da doch viel freier als hier?

Robin: Frei! Ha. Glaubt ihr, es gibt dort keine Sachzwänge? Selbst- und ständige Maloche, ranzige Margarine, scheißhohe Miete. Hast du schon mal versucht, in Neukölln ne WG zu kriegen? Und dann die beiden da. Es dreht sich doch nur um Marmelade, Craft Bier und ein Ping-Pong der popkulturellen Referenzen. Aber mehr als ein paar Foucault-Zitate kennen die auch nicht. Die haben doch einen Horizont nicht höher als ein Sofakissen. Ich möchte nicht mehr die Deko in diesem Beziehungstheaterstück sein!

Avanna: Aber jeder Mediatar würde alles dafür geben, einmal frei zu sein und in dieser Welt da draußen rumlaufen zu dürfen! Sich nicht mehr nach den Menschen richten zu müssen. Den Tag erfühlen, schmecken, Seele baumeln lassen.

Buttercup: Wir sind doch nur Darsteller des schönen Scheins. Draußen ist die Realität.

Robin: Aber das ist doch genau der Punkt! Ihr macht alles schöner und glitzernder als unsere Welt! Ihr macht das lebenswert! Und eure Sphäre hier fühlt sich echter an als die da draußen. Und interessanter. Van Goghs Sternennacht ist doch auch auf dem Bild viel schöner als eine Nacht in der Realität.

Avanna: Und warum wählt ihr nicht für euch selbst interessant zu sein?

Lied 4: Knirsch und Knack

Robin

Und dann brauchst du wo zum Wohnen.
Und findest doch nix.
Und dann brauchst du och ne Arbeit.
Und kannst doch nüscht.
Und dann willst du wen lieben.
Und weßt doch nicht wie.
Und die anderen wohnen und arbeiten und lieben.
Im Fernsehen, im Kino und sozialen Medien.
Und dann bist du abends allein.
Und denkst dir: so will ich auch sein.

Und sagst: Hallo, hallo.
Aus deinem Mund kommt: knirsch.
Und sagst: küss mich, küss mich.
Aus deinem Mund kommt: knack.
Und du küsst und küsst und küsst und es macht nur knirsch.
Du schuftest, und du schuftest und es macht nur knack.
Du erfüllst den Putzplan, und es knirscht und es knackt
dein Herz,
dein Herz.

Avanna

Du schüttelst deine Haare
Und schwingst dein Schwert
Mit diesem einen Ring machste nüscht verkehrt
Zur Rechten wie zur Linken
siehste Orks heruntersinken.
In Hogwarts, ja in Hogwarts bist du Gryffindor
Für deinen einen einzigen User nur
Und alles für deinen User nur

Buttercup

Nun sei doch mal ganz smart
Und bleib ganz cool!
Du redest, und du redest
manchmal viel zu viel.
Du kannst ja nicht mal tanzen!
Sing uns was vor!
Da sing ich meinen Song
mit nem Move dazu.
Denn bin ich in der Matrix,
hab ich Groove genug.
Und ist der User mal allein,
dann stimmt er mit ein.

Alle

Und sagt: Hallo, hallo.
Aus deinem Mund kommt: knirsch.
Und sagst: küss mich, küss mich.
Aus deinem Mund kommt: knack.
Robin: Und du küsst und küsst und küsst und es macht nur knirsch.
Avana: Du schuftest, und du schuftest und es macht nur knack.
Buttercup: Du erfüllst den Putzplan, und es knirscht und es knackt
Alle: dein Herz.

Intermission: Szene 5 – MOD und Kommentarspalte trennen die Verbindung

KS und MOD betreten empört die Bühne. MOD versucht noch gute Miene zum bösen Spiel zu machen, ist aber eindeutig auch aufgebracht.

KS: Ich bin ja nun wirklich nicht eitel oder egozentrisch, aber das geht doch zu weit… Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit heißt doch nicht, dass auf einmal jeder herbeigelaufene Hinz und Kunz singen darf!

MOD: Doch, Kommentarspalte, das heißt es. Das ist der Grundstein einer Demokratie. Und auch dieses Forums!

KS (versucht MOD einzulullen und sie zu brechen): Fühlst Du Dich nicht ein bisschen hintergangen? Schau mal, wie lange Du für diese Songs geprobt haben? Wie lange Du Gesangsunterricht nehmen musstest, um die Töne treffen zu können? Und am Ende dürfen doch alle singen? Und kriegen vielleicht trotzdem genau so viel Applaus wie Du? Nachher dürfen die noch moderieren! Ist das noch fair?

MOD (bricht weinend zusammen): Neeeeeeeeeiiiiiiin, ist es nicht!

KS: Seht ihr, jetzt habt ihr sie zum Weinen gebracht! Wir müssen Rache schwören.

MOD (immer noch weinend): Das ist gegen die Regeln, und auch nicht mein Stil.

KS (brüllend, in MODs Ohr): Sie haben Dich um Deinen Applaus gebracht!

MOD (weinend-brüllend): Ich will Rache!

KS: Wir kappen einfach die Verbindung. Finito, schnipp-schnapp, freeze, muahahaaaa!

MOD (rachelüsternd): Ja. Schnipp-Schnapp.

Beide (stimmen verschwörerisch an): Schubiduuuaaaa-uuuaaaah-uuuuh, Schnipp Schnapp! Schubidu-Schnipp-Schnapp!

Szene 6 – Frühstück: Der Schock! Verzweiflung! Offline als Chance

Hänschen, Kim, Praerie Snowsong sitzen am Frühstückstisch.

Hänschen: Darling, kannst du mir bitte mal die Marmelade reichen? Und den Kaffee! Sehr viel davon!

Praerie (kokettierend, zwinkerzwinker): Na, das sieht mir ganz so aus, als hätten da zwei letzte Nacht nicht besonders viel geschlafen!

Kim (kichernd): Ähm, ja, ähm, hier ist die Marmelade, Hasi-Spatzi.

Hänschen: Was für ein wunderschöner Morgen.

Kim: Ja, müsste ich fast posten, wenn es nicht so schön wäre gerade. Es ist so angenehm ruhig.

Hänschen: Mir ist das fast ein bisschen zu ruhig. Ich hatte heute z.B. noch gar keine Likes.

Kim: Stimmt, ich auch nicht. Normalerweise sind am Morgen ja schon immer so mindestens 20-30 Likes da.

Hänschen: Noch nicht mal von Deinem Stalker?

Kim: Ich nenn ihn noch Fan. Er liked alles von mir.

Hänschen: Fan, Stalker – die Grenzen sind da fließend. (Pause) Seltsam. Meinst du, wir sind zu alt geworden? Ist der Livestream meiner Morgenroutine nicht mehr interessant für die Menschen?

Kim (erschrocken): Nee. Ich glaub, wir sind offline!

Praerie (wird ängstlich aufgeregt): Was, offline? Keine Verbindung?

Kim: Ich glaube schon. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Praerie (springt auf, rennt panisch umher): Ach du Scheiße… ach du Scheiße… wir können nicht offline sein… nein, das geht nicht… scheiße, wie soll ich denn aus der Menschenwelt wieder zurückkommen?

Hänschen: Schöner Begriff, Menschenwelt. (schaut Praerie an) Was meinst du damit?

Praerie (immer noch leicht panisch): Ähm, na ja, ich bin nicht Robin. Ich bin ihr Mediatar, Praerie. Ich hab mit ihr getauscht.

Kim: Was zur Hölle? Das ist doch gegen jegliche Regeln.

Hänschen: Du bist nicht Robin, sondern ihr Mediatar? Das ist aber doch eine ganz andere Ebene?

Kim: Und das steht in keiner Anleitung, dass das geht. Hast du dein Manual überhaupt gelesen?!

Praerie: Ja, natürlich. Robin stand auf einmal da und fragte. Und ich habe ja gesagt, ich mache halt, was sie sagt. So bin ich programmiert. Das Portal stand einfach offen. Aber… aber… wie komm ich denn jetzt zurück, wenn wir offline sind?

Kim: Du vergisst hier den viel wichtigeren Part: Das heißt, niemand beobachtet uns mehr! Niemand.

Praerie: Was?

Kim: Wir können ungesehen über die Stränge schlagen. Meine Mutter ruft bestimmt gleich an, weil keine Bilder auf Instagram sind und sie denkt, ich verhungere.

Praerie: WAS?! (Vergräbt sich immer mehr in der eigenen Panik / Entsetzen darüber, dass niemand auf sie achtet und kauert sich am Bühnen rand zusammen)

Hänschen: Aber wenn wir unser Frühstück nicht instagrammen, haben wir dann überhaupt gegessen? Das ist mir zu authentisch alles.

Lied 5: Nicht gesehen werden

Hänschen

Ach, mich sieht mal wieder keiner.
Ich werd täglich größer, kleiner.
Mehrmals täglich dick und dünner
wer sagt was ist schlau, was dümmer?

Kim

Ach, auf mich gibt keiner Acht
Nirgends einer, der mit mir lacht
Wenn ich auch schlau und witzig bin
Dringt kein Lachen zu mir hin

Beide

Ach, es ist als wär ich gar nicht da
Zwar sind mir ganz viele Leut na-ha
Aber ich hab dadurch keinen Zentimeter Pla-hatz
Bis ich wie ein Ballon zerplatz

Wenn du nicht gesehen wirst
Musst du an dir runtergucken
Um zu raffen
ob die Füße da noch zucken
ob die Arme da noch hängen
und der Bauch auch

Hänschen: Ach, was soll ich denn jetzt treiben?
Was soll ich ins Netz reinschreiben?
Kim: Wem soll ich von mir berichten?
Was reinstell’n zum Liken, Sichten?

Hänschen: Ach hier ist doch gar nichts los
Diese öde Ödnis bloss
Kim: Mir wird alles zu eng
Klarnamenzwang ganz streng

Beide

Wenn du nicht gesehen wirst
Musst du an dir runtergucken
Um zu raffen
ob die Füße da noch zucken
ob die Arme da noch hängen
und der Po
Sowieso

Hänschen (gesprochen): Es wär ganz schön, Muss ich schon sagen,
Diese Rüstung einmal nicht zu tragen
Mal so gesagt, ganz unter uns
Kim (gesprochen): Es geht auch ohne Körperbild-Schlunz
Ich kann in der Nase bohren
Auch im Nabel, in den Ohren
Ohne dass es jemand sieht
Beide: Neat!

Beide

Wenn du nicht gesehen wirst
Haben die kleinen Heimlichkeiten,
Sachen, über die du lachst,
Plötzlich ganz verborgene Seiten
Die in hellem Glanz erstrahlen
Schluss mit Malen nach Zahlen

Kim: Ich mache jetzt erstmal meinen Rock auf. Ich habe zwanzig Jahre lang den Bauch eingezogen. Und warte, hier (schmiert ein Brot), doppelt Butter! Doppelt Butter! (isst erst und reicht es dann Hänschen)

Hänschen: Laß mich abbeißen von der doppelten Butterstulle. Oh Gott, ist das gut. Warte! Heißt das, ich kann mir jetzt erlauben, einfach mal keine Meinung zu allem haben?

Kim (steigt auf ihren Stuhl, fast revolutionäre Gesten): WIR SIND FREIII! Scheiß auf Hashtag »FitnessMotivation«! Scheiß auf Hashtag »EatingClean«! Ich ess jetzt Butter und Kohlenhydrate! Jetzt ist bei mir jeder Tag Hashtag »CheatingDay«! Und Hashtag »Achtsamkeit« kann mich erst recht am Arsch lecken!

Hänschen: Wenn wir unbeobachtet sind, könnten wir auch dahin gehen, wo wir uns sonst nie hinwagen. Ganz neue Möglichkeiten! (steigt auch auf einen Stuhl) Wir könnten nach Lichtenberg gehen.

Kim (enthusiastisch auf dem Stuhl): Ja, das haben wir nie gemacht, weil es nicht fotogen genug war. Hashtag »NoFilter«!

Hänschen (ebenfalls enthusiastisch auf dem Stuhl): Wooohoooo, Hashtag »KeinNetz«. YEAH, WIR SIND OFFLINE.

Kim: Erkunden wir doch mal unsere Welt ganz neu! Auf nach Lichtenberg!

Praerie: Aber aber…

Hänschen: Nein, du kommst einfach mit! Let’s go!

Alle drei ab.

Intermission: Szene 6

MOD tappt während des Abgangs von Kim, Hänschen und Praerie in Szene 6 empört auf die Bühne, KS trottet hinterher

MOD: Jetzt fangen die auch noch an zu singen! Das kommt davon, wenn die Regeln nicht eingehalten werden! Spalti, das gefällt mir alles nicht!

Was soll aus uns jetzt werden?

Wir sind alt,

Uns braucht keiner mehr!

Bald schon,

wird sich niemand mehr an uns erinnern

KS

Wer will denn jetzt noch meine Kommentare hören?

Niemand! Niemand!

Das wird alles outgesourct.

Bald ist für jeden Beitrag

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Beide: Was soll denn jetzt aus uns werden?

Lied 6: Was soll aus uns werden?

(gesprochen)

MOD: Hundeführer
KS: Müllabfuhr
MOD: Ökobauer
KS: Master of Schafschur
MOD: Fakir
KS: Prinzessin
MOD: IT-Spezialist
KS: Prinz, der nur nachts Prinzessin ist

Beide

Was soll aus uns werden?
Wenn wir groß sind,
Haben wir gedacht,
Wird so viel gemacht!

(gesprochen)

MOD: Stuntman
KS: Snowwhite
MOD: and the Huntsman
KS: Stiftanspitzer
MOD: Golfplatzbesitzer
KS: Tierpfleger
MOD: Anwärter
KS: auf irgendwas

Beide

Was soll aus uns werden?
Wenn wir groß sind,
Haben wir gedacht,
Wird so viel gemacht!

MOD: Was moderieren,
Sieben Tage lang?
KS: was kommentieren,
ganz allein?

(heulend ab)

Szene 7 – Die Avatare entdecken und feiern die neue Freiheit, finden sie aber schnell scheiße

Robin, Avanna, Buttercup

Beginn der Szene: Die drei liegen schlafend, eng aneinander im Bett. Auf einmal schreckt Buttercup hoch und schaut auf die Uhr.

Buttercup: Scheiße, scheiße, Avanna, Robin, wir haben verschlafen!

Avanna (schreckt ebenfalls hoch): Waaas? Oh nein.

Robin (noch halb schlafend): Lass mich, ich will noch nicht aufstehen, Mama. Es ist doch noch mitten in der Nacht.

Buttercup: Die Menschen sind bestimmt schon wach! Und wir haben die morgendlichen Postings noch nicht vorbereitet!

Buttercup und Avanna springen auf und beginnen hektisch Dinge zu fotografieren und zu posten, während Robin sich ebenfalls, aber eher langsam, aus dem Bett schält und quält.

Avanna: Das sendet bei mir irgendwie nicht.

Buttercup: Ich hab auch keine Verbindung.

Avanna: Dann erst mal lokal speichern. Ist die Amazon Cloud wieder down?

Buttercup: Mhm. Ich hab auf jeden Fall keine Notifications während der Nacht bekommen.

Avanna: Was ist mit tumblr?

Buttercup: Nix. Keine Verbindung.

Robin: Wie könnt ihr so früh schon diesen Technikkram machen? Ich bin noch nicht mal aus dem Bett raus. (guckt sehr verschlafen drein, streckt sich hin und wieder und versucht krampfhaft wach zu werden.)

Avanna: Da können wir nix machen außer warten.

Buttercup: Ja, warten.

Avanna: Check doch mal Snapchat.

Buttercup: Nix. Und im Wohnzimmer auch niemand. Wo sind denn unsere User?

Avanna: Ja, stimmt, kein Schwein hier. Check doch mal auf Swarm, ob die in der Nähe sind.

Buttercup: Nope, nix zu sehen dort. Ich denke, wir sind offline. Sowas von offline.

Avanna: Praktisch sind wir dann gar nicht existent im Moment.

längeres Schweigen und peinliche Pause, Avanna und Buttercup sind ratlos, während Robin langsam munter wird

Robin: Wie können wir denn einfach offline sein?

Buttercup: Ach, da gibt es tausende Möglichkeiten. DDos vom Internet of Things – Toaster und so. Oder die Illuminaten haben zugeschlagen. Oder Aliens greifen an.

Avanna: Ja, oder eine alles lenkende Moderatorin und eine zynische Kommentarspalte zetteln das einfach zu ihrer Belustigung an.

Robin (spielt ironisch mit): Ja, das wird es sein. (dann nicht mehr ironisch) Macht euch mal locker. Ist doch nicht so schlimm. Machen wir einfach irgendwas. Wir könnten einfach wieder Theater spielen.

Buttercup: Aber alle Texte sind in der Cloud.

Robin: Dann denken wir uns halt selber was aus.

Avanna: Jaaaa! Wir könnten ein Stück schreiben in einem postapokalytptischen Szenario, in dem die zentrale Infrastruktur mit Biowaffen angegriffen worden ist und danach Sysadmins die Herrschaft über die Welt übernehmen.

Robin: Immer diese Hochstilisierung des IT-Menschen. Das packt mich jetzt nicht, ehrlich gesagt.

Buttercup: Oder habt ihr schon mal über Zeitreisen und deren Auswirkungen auf das Urheberrecht nachgedacht? Überhaupt, wie die Zukunft von freiem Wissen aussieht? Das wäre doch mal spannend als Stück!

Robin: Gäääääähn, Zeitreisen. (sarkastisch) Das hat ja noch nie jemand vorher in der Popkultur behandelt.

Avanna: Wer bist du eigentlich uns vorzuschreiben, was kreativ genug ist und was nicht?

Robin: Ich bin Künstlerin. Sogar studierte. Und jetzt bin ich… (realisiert, dass sie jetzt nur noch Ausführende und nicht mehr Künstlerin ist) Mediatar. Jetzt bin ich Befehlsempfängerin. Oh Gott, ich muss hier raus. (versucht die Tür zu öffnen, die verriegelt ist) Was ist los, wieso geht die Tür nicht auf? Habt ihr abgeschlossen?

Avanna: Was? Nein. Das kann nicht sein. (rüttelt auch an der Tür)

Buttercup: Im Manual steht, dass wir nur dort hingehen können, wo auch unsere User sind. Kapitel 5.7.

Avanna: Vorausgesetzt, es gibt eine Verbindung. Wenn nicht, sind wir in der Homebase gefangen.

Buttercup: Kapitel 9.4, richtig.

Robin: Aber ich bin doch Mensch. Bin ich jetzt auch hier gefangen? Das geht doch nicht. (beginnt panisch zu werden)

Avanna: Ok, dann geht’s eben erstmal nicht nach draußen. Keine Panik… Wir könnten ja ein paar Posts schon vorbereiten. (Robin sinkt verzweifelt zusammen.)

Buttercup: Ja, aber über was denn?

Avanna: Ja, über was? Hm.

Buttercup beginnt das Chrome Offline Spiel mit dem T-Rex und den Kakteen zu spielen

Buttercup: Hüpf. Hüpf, Aua.

Avanna (zu Robin): Naja, dann sollten wir das mal genießen lernen, oder? (sinken beide zu Boden, starren in die Luft, wissen nix mit sich anzufangen und genießen ganz offensichtlich nicht)

Buttercup: Die Seele baumeln lassen

Avanna: Sind wir noch offline. Check doch mal Google+.

Müdes, aber bestimmtes Lachen von Buttercup, Avanna und Robin.

Szene 8 – Offline sein ist doch blöd! Die Menschen im Zuschauerraum sind überhaupt nicht frei.

Hänschen, Kim, Praerie

Die drei kommen von hinten in den Zuschauerraum. Sie halten sich auch bis zum Ende der Szene im Zuschauerraum auf.

Kim: Uuuuuaaaahhhh, hat das in der U5 gestunken. Holy Shit!

Hänschen: Das war ja wie ein Kaffeeausflug in die DDR. Eine Trabi-Safari auf Schienen!

Praerie: Eine interessante Sozialstudie auf jeden Fall.

Kim: Sozialstudie ist auch nur ein Euphemismus für »OMG, bloß nie wieder!«.

Hänschen: Hashtag »NoFilter« heißt wahrscheinlich wirklich einfach nur (schnüffelt angewidert) »No Filter«.

Kim (Frage ins Publikum): Kennen Sie die U5? Wie das da riecht?

Hänschen: Das ist mir schon fast zu authentisch.

Kim: Und diese Bälger im Zug! Stecken ihre dreckigen Finger überall hin und brüllen vor sich hin!

Praerie: Du wärst natürlich eine viel bessere Mutter!

Hänschen: Wo kommen denn solche Kinder her? Ich kenne niemanden, der solche Kinder hat. Nicht mal Leute, die ironisch Kinder haben, haben solche Kinder!

Kim (Frage ins Publikum): Habt ihr solche Kinder?

Praerie (erkennt die beiden anderen Mediatare im Publikum): Du… du bist doch auch ein Mediatar, oder?

M1: OMG, du auch? (umarmen sich stürmisch)

M2: Ich bin auch einer! (HUG BALL)

Praerie nimmt die beiden an die Hand und an die Seite. Dort tuscheln sie vor sich hin. Hänschen und Kim sind in der Zeit noch ein bisschen durch den Zuschauerraum gelaufen und haben sich die Menschen und den Raum angeguckt.

Hänschen: Ich habe hier eben ein Mobile gesehen. Hier wird Social Media noch konsumiert! Das sind sie – die Hater und Liker!

Kim: Hier kommen die Herzchen her! Haach.

Hänschen: Ich bin schon fasziniert. (Pause) Auf eine Art.

Hänschen und Kim setzen sich auf die von den Mediataren verlassenen Stühle.

Kim: Aber das sitzen sieht schon unbequem aus.

Hänschen: Das Leben hier ist auf die basalsten Bedürfnisse des Nach-vorne-guckens ausgerichtet. Ich hab mir das ja spannender vorgestellt.

Kim: Ja, nur passiver Konsum. Zusehen statt selbst erleben.

Hänschen: Ich bin ja auch eher der Performer. (Macher-Pose)

Kim (Frage ins Publikum): Mögt ihr es hier?

Kim: Ich glaube, ich möchte doch wieder nach Hause. Ich sehne mich fast nach meinem zapatistischen Kaffee aus Mexiko.

Hänschen: Ja, Kaffee auf meinen Mies van der Rohe Freischwinger.

Kim: Ja komm, los. Wir gehen zurück. Praerie, komm. Raus aus dem Realitäts-Elend.

Praerie: Aber hier ist es doch so schön!

Kim: Aber du willst doch zurück, oder? Vielleicht finden wir zu Hause eine Möglichkeit, dass du wieder mit Robin zurücktauschen kannst..

Praerie: Na gut. (Verabschiedet sich von den zwei Mediataren, trottet Hänschen und Kim hinterher)

Hänschen (zum Publikum): Ihr dürft gern sitzen bleiben.

Die drei machen sich auf den Weg in den vorderen Zuschauerraum auf dem Weg zur Bühne, während MOD und KS auf die Bühne stürmen, die komplette Szene einfreezen (sowohl die Menschen als auch die Mediatare, die ja währenddessen die ganze Zeit still auf der Bühne sind) und tanzen den Händereibetanz (s. Intermission, Szene 8) und stellen schließlich die Verbindung zwischen den beiden Welten wieder her.

Intermission: Szene 8

Lied 7: Händereibetanz

Beide

Stooooooop! (hier erst freeze der anderen Charaktere, s. Szene 8)
Reib, reib, reib
Reib, reib, reib
Das Plänchen wird bald fertig sein

Klatsch, klatsch, klatsch.
Klatsch, klatsch, klatsch
Schluss mit diesem Freiheitsquatsch

Fäustschen her
Fäustchen her
Manipulieren ist nicht schwer

Wir woll’n jetzt sehn
wir woll’n jetzt sehn
wohin unsre Figuren gehen

Ohne sie
Ohne sie
Wär unser Leben öd wie nie
Oh wie fein
Oh wie fein
Sie werden bald wieder
zusammen sein
Schwipp-Schwapp (klatschen)

Hänschen, Kim und Praerie erwachen zeitversetzt aus ihrem Freeze und laufen langsam auf die Bühne zu

Szene 9 – Großes Finale – Aussprache – Wie wir leben wollen – Versöhnungssex

Avanna, Buttercup und Robin sind auf der Bühne. Sie werden als erstes unfreezed durch einen Klatscher von MOD & KS.

Avanna: Mir ist fad.

Buttercup: Will noch mal jemand ne Runde Mau Mau spielen?

Avanna & Robin (gleichzeitig): NEIN!

Praerie betritt die Bühne, entdeckt Robin, die beiden fallen sich um den Hals. Während die beiden reden starren sich Hänschen und Avanna sowie Kim und Buttercup ungläubig und neugierig an. Ggf. abtasten des Gesichts oder ähnliches (Spiegelübung).

Robin: Danke, dass du zurückgekommen bist.

Praerie: Ich musste nach Lichtenberg. Aber ich hab 2 Mediatare getroffen. Da wurde mir klar, das sind die Art Leute, bei denen ich glücklich bin. Der schöne Schein, den wir kreieren, heißt nicht umsonst SCHÖNer Schein.

Robin: Und ich bin nicht mehr eingesperrt.

Avanna (zu Hänschen und auch ein bisschen zu Kim): Und, was habt ihr in Lichtenberg alles erlebt? Können wir daraus eine Instagram-Story machen?

Buttercup: Wieso nicht gleich einen ganzen Blog? Hashtag »No Filter Lichtenberg«. (beide sich nun überbegeistert, reden sehr schnell, während Hänschen und Kim versuchen sie zu unterbrechen, aber daran scheitern)

Avanna: Mit Tipps, wie man in abgeranzte verlassene Fabrikhallen am besten reinkommt!

Buttercup: Und Survival-Tipps! Und Interviews mit Obdachlosen am S-Bahnhof Lichtenberg.

Avanna: Ich rieche eine Undercover-Story.

Buttercup: Hammer, Hammer. Ich reservier direkt mal die URL.

Kim (schafft es endlich die beiden zu unterbrechen): Ähm, nein. Was in Lichtenberg passiert, bleibt in Lichtenberg.
(zu Robin und Praerie) Und Ihr beide: Ihr habt uns da ganz schön was eingebrockt!

Robin: Ich hab euch doch nicht gezwungen, nach Lichtenberg zu gehen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten bei euch! Ihr macht euch doch alle nur was vor. Offene Beziehung, aber dann doch Bausparvertrag.

Kim: Es tut uns leid. Wir sind manchmal etwas drüber. Aber wir können auch als Team zusammenarbeiten.

Hänschen: Ganz echt und unironisch. Das Rumzicken haben wir jetzt auch geklärt. Nicht wahr, Schatz?

Kim: Ja, Goldbärchen.

Hänschen: Tut uns wirklich leid, dass du das abbekommen hast.

Robin (zurück im Hippie-Modus, ist gerührt): Ach, ihr Süßen, kein Problem. Wir hatten ja auch schöne Zeiten… ihr solltet einfach prinzipiell etwas mehr vögeln.

Kim: Du meinst bumsen?

Alle sechs freezen ab hier nach jedem Ausspruch in kuschelnden Posen. Währenddessen ziehen MOD und KS ein großes Tuch über alle.

Buttercup (kommt mit Avanna wieder aus dem Hintergrund): Habe ich da Beischlaf gehört?

Hänschen: So richtig animalischen GV!

Avanna: Knattern?

Robin: Mehr Eisen ins Feuer legen?

Praerie: Pimpern?

Kim: Es Hötterli mache?

Buttercup: Andocken?

Hänschen: Mehr Einführungsveranstaltungen?

Avanna: mit em Würschtli es Sprützfährtli mache?

Robin: s Blüemli güüsse

Praerie (kämpft sich aus dem Kneuel heraus und steckt den Kopf aus dem Tuch): Aber wartet! Das löst doch unsere Probleme nicht! Mit welchen Werten wollen wir denn nun leben? Wie schaffen wir echte Intimität – und wie wollen wir uns lieben?

Alle starren sie kurz an, bleiben stehen, und zerren sie wieder und das Tuch.

Während des Endspiels bewegen sich Hände, Beine und andere Körperteile unter dem Tuch weiter.

Endspiel

Lied 8: Ob es jemals besser wird

(gesprochen, über Schlussmusik)

MOD: Ist jetzt aus?

KS: Jetzt ist bald aus.

MOD: Gehen die Lichter schon aus?

KS: Jetzt gehen gleich die Lichter aus.

MOD: Hört die Musik auf?

KS: Jetzt verstummt gleich die Musik.

MOD: Siehst Du den Mond über Soho?

KS: Hä? Nee.

MOD: Ich auch nicht.

MOD (singt)

Manchmal frag ich mich,
ob es jemals besser wird.
Die vielen Fragen

Beide

wie wir leben wollen
was wir uns sagen wollen
wen wir lieben wollen
Ob wir auf all diese Fragen
irgendwann eine Antwort haben

KS

Manchmal frag ich mich
ob es jemals besser wird
Die vielen Sorgen

Beide

ob das nicht in die Katastrophe führt
ob das, was uns verwirrt,
ob das nicht bloß immer verwirrender wird

MOD

Manchmal frag ich mich
ob es jemals besser wird
Ob es größer, schöner, echter und wahrer wird

KS

Manchmal frag ich mich
ob es jemals besser wird
Ob es tiefer, sinniger, reicher, und sinnreicher wird

(ab hier gesprochen, über Schlussmusik)

MOD: Und, was glaubst Du?

KS: Keine Ahnung
Steht ja in unserem Text nicht drin.

MOD: Ach ja, das Stück ist ja vorbei.

KS: Ja, leider.

MOD: Oder zum Glück.

KS: Müssen halt mal wieder die Zuschauer wissen, oder?

MOD: Fürchte ich auch.

KS: Leider.

MOD: Oder zum Glück.

KS: Ich liebe Dich!

MOD: Ich liebe Dich auch!

KS: Reicht das denn?

MOD: Im Theater schon!

KS: Küss mich, dass es knallt!

ENDE